Marc Chagall

„Crucifixion en vert“ wurde von Chagall bei seiner Rückkehr nach Paris nach einer Zeit des Exils in New York komponiert, getrieben von der wachsenden Bedrohung durch den Nationalsozialismus. Die Zeit, die er zwischen 1941 und 48 in New York verbrachte, war turbulent. Der Kummer und die Schuldgefühle, die Chagall nach der Entdeckung der Zerstörung seiner Heimat Witebsk und dem Tod seiner geliebten Frau Bella empfand, verstärkten seine Verwendung eindringlicher religiöser Bilder, die sich durch seine gesamte spätere Karriere zogen.
Dieses Gemälde demonstriert Chagalls wiederholte Rekontextualisierung religiöser Symbolik. Chagall stellt Christus in einem grellen Hellgrün dar, seine Haut wird von den Schabbatkerzen vor einem reichen Nachthimmel beleuchtet. Aufgehängt am Kreuz, das die Komposition überschattet, ist Christus unverkennbar in einen Tallit, dem heiligen jüdischen Gebetsschal, gekleidet und trägt eine Kippa. Diese besonderen jüdischen Gewänder stehen jedoch im Gegensatz zu seinem Heiligenschein, einem unbestreitbaren Beispiel christlicher Ikonografie. Diese Symbole in Verbindung mit der religiös eindeutigen Kapuzengestalt, die im Hintergrund kniet, erinnern den Betrachter daran, dass Christus sowohl eine jüdische als auch eine christliche Figur ist.
Die Erinnerung an die Stellung Christi als jüdischer Märtyrer ruft eine auffällige Parallele zu Chagalls berühmter Weißer Kreuzigung (Abb. 1) hervor, in der Christus in ähnlicher Weise in traditionelle jüdische Gewänder gekleidet ist. In beiden Fällen vermittelt der Künstler eine kraftvolle Botschaft, die über die allgemein falsch verstandene Duplexität von Christentum und Judentum hinausgeht.
Darüber hinaus erhält die Bekleidung Christi in jüdischen Gewändern eine symbolische Darstellung, die auf die universelle Notlage der jüdischen Gemeinschaft hinweist, die stets Verfolgung und Verleumdung ausgesetzt war. Sowohl die Kreuzigung en vert als auch die Weiße Kreuzigung sind eine Anspielung auf die allgegenwärtige Verunglimpfung derjenigen, die sich zum Judentum bekennen, aber auch eine Hoffnung auf Wiederherstellung und Verjüngung. Chagalls großzügige Verwendung der Farbe Grün geht auf Psalm 1.3 des Alten Testaments zurück, in dem Grün als Farbe des neuen Lebens und des Neubeginns bezeichnet wird.
In seinen biografischen Schriften hob Chagall hervor, wie wichtig es ihm war, das Wesen des chassidischen Judentums in seiner Kunst zu bewahren, da er erkannte, dass es in der Vergangenheit nur unzureichend dargestellt worden war. Die Neuinterpretation der christlichen Ikonografie mit jüdischer Symbolik zeigt somit Chagalls eigene Interpretation des interreligiösen Dialogs und spiegelt das Streben des Künstlers nach Versöhnung und Gerechtigkeit wider, das über die Grenzen des Glaubens hinausgeht.
Die anderen Figuren in „Crucifixion en vert“, insbesondere die Frau und der blaue Esel, spiegeln einen viel persönlicheren Aspekt des Werks wider. Chagalls Frau Bella war 1944 in New York gestorben, was den Künstler am Boden zerstört hatte und dazu führte, dass er mehrere Monate lang nicht malen konnte. Auf Drängen seiner Tochter Ida kehrte er mit neuem Eifer zur Malerei zurück und schwor sich, seine Frau zu ehren, indem er ihr in seinen Werken ein Denkmal setzte. So findet sich neben der Schabbatkerze eine grobe Skizze eines Paares, das Arm in Arm sitzt. Der blaue Esel steht für Ida, die in ihrer Kindheit den Spitznamen „kleiner Esel“ trug. Diese bittersüße und fragmentarische Darstellung des häuslichen Lebens, das er verloren hatte, ist eine rührende Hommage an Chagalls Liebe zu seiner Familie in einer Zeit großer Umwälzungen und Verluste.

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