Christian Rohlfs

Literatur:

Vgl. Ausst.-Kat. Christian Rohlfs. Das Licht in den Dingen. Späte Temperabilder. Eine Ausstellung zum 150. Geburtstag des Künstlers. Emden, Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri und Eske Nannen und Münster, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, 1999/2000



Ausstellungen:

Galerie Nierendorf, Berlin 1963, Kat.-Nr. 61, s-w Abb. / Christian Rohlfs – und die Stadt Soest in seinem Werk. Soest, Kunstverein Kreis Soest, 1984, Kat.-Nr. 41, Farbabb.



Während Christian Rohlfs, im hohen Alter und des Lebens nicht müde, kraftvoll malend auf seiner Terrasse in Ascona am Lago Maggiore steht, greift seine junge Frau Helene zur Kamera. Sie fotografiert den Künstler bei der Arbeit, das Haus in dem sie seit 1929 vermehrt leben, die umgebende Landschaft. So entstehen zwei Fotografien einer Berghütte mit dunklen Holzbalken im Schweizer Kanton Tessin. „Fotos, die C.R. beim Malen benutzt hat“, wie Helene Rohlfs selbst die Bilder markierte. Fotos, die den Maler zu zahlreichen Papierarbeiten inspirierten.

„Das schwarze Haus“ (um 1936, Wassertempera auf Bütten, 56,5 x 78 cm) ist eine dieser Arbeiten. Das Haus steht in einem eng beschriebenen Bildraum, der First ragt an den oberen Bildrand, die Häuserkanten lassen wenig Raum an den Seiten zu, die Sockelzone schließt mit der unteren Bildkante ab. So baut sich das Haus dominant vor dem Betrachter auf. Durch die Umrisse erkennen wir einen Schornstein, ein Fenster im Giebel, vielleicht zwei weitere Fenster im Erdgeschoss, keine Tür. Im Hintergrund scheinen weitere Häuser zu stehen, im diffusen Gegenlicht nicht klar auszumachen. Umspannt ist das Haus von einem Licht, das sich wabernd wie Nebel auf die Netzhaut des Betrachters legt. Ein Licht voller Hoffnung und Mystik, wie es für Rohlfs späte Arbeiten so typisch ist.

Rohlfs Haus, das er im stolzen Alter von 87 Jahren malte, ist einladend und abweisend zugleich. Ein Kontrast, wie er im gesamten Spätwerk des Künstlers zu finden ist: Helles Licht trifft auf dunkle Farbfelder, Mystik und Romantik treffen Kühle und Klarheit. Dabei malt Rohlfs stets expressiv, oft schimmert der Papiergrund hervor, den er zuvor intensiv mit wasserlöslicher Temperafarbe bemalt hat. Rohlfs arbeitet mit Nasspinseln und Bürsten, er wäscht und kratzt. Diese deutlich erkennbaren Arbeitsspuren sind auch im vorliegenden Werk zu sehen. Das Licht ist nicht aufgetragen sondern aus dem Gegenstand herausgewaschen, leuchtet so durch den gemalten Gegenstand hindurch.

Mit der ursprünglichen Fotografie hat die Arbeit nicht mehr viel gemein. Das fotografische Abbild ist bei Rohlfs nur Material, dessen Verwendung zum Bild führen kann – so schreibt er schon 1911 in einem Brief: „Ja, ich bin mit dem Naturalismus wirklich am Ende und stilisiere, dass sich die Balken biegen. Deshalb will ich von der Natur auch gar keine Bilder malen sondern mir bloß Material verschaffen. Dieses aber dann im Atelier mit Phantasie und Geisteskraft zu herrlichen Kunstgebilden umarbeiten.“

Material findet er in Ascona und Umgebung zuhauf: Immer wieder gleiten seine Augen über die Tessiner Bergdörfer. Er sieht urige Wohnhäuser, Ställe oder Hütten aus Stein oder eben jene dunklen Holzhäuser, dessen steinerne Plattendächer aus dem Bergnebel ragen. Das Wesenhafte dieser Häuschen ist es, das Rohlfs fasziniert. Wiederholt setzt er sich malerisch mit Material und Form der Hütten auseinander, überhöht sie so in ein „differenziert farbiges, geheimnisvoll anmutendes Dunkel“, wie Achim Sommer, wissenschaftlicher Leiter der Emdener Kunsthalle, anlässlich der großen Rohlfs-Ausstellung „Das Licht in den Dingen“ schreibt. So ist auch das schwarze Haus nunmehr eine Erscheinung, ein geheimnisvoller Ort, der traumgleich aber dennoch real anmutet. (Lena de Boer)

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