Emil Nolde

„Einige Male bin ich gefragt worden, ob denn ich gar kein Interesse an Menschen nehme, weil anscheinend ich so wenig hinschaue. ,Doch, sehr‘, sagte ich, denn ich tue es wirklich besonders gern. Vielleicht nur anders als üblich. In einer zwölftel Sekunde soll das Auge den Eindruck aufnehmen können, und weiteres Verweilen am Objekt ist Privatvergnügen. Aber auch, wenn man die Menschen nur halb ansieht, dann werden sie einfacher und größer. Die Freunde, die Feinde und auch die Indifferenten, sie alle sind meine Helfer, wenn aus dem Unterbewusstsein sie hervorsteigend sich wieder melden. Sie sind meine Bilder.“

Kaum eine Bildgattung kann mit einer ähnlich imposanten Historie dienen wie das Portrait. Als Herrschaftssymbol und zur Inszenierung des Individuums nahm es bis zur Etablierung der Fotografie einen singulären Rang ein. Elegisch oder sentimental, verherrlichend oder schlicht und reduziert, nichts bleibt in der Portraitkunst verborgen. Und so verwundert es nicht, dass auch Emil Nolde sich Zeit seines Lebens intensiv mit der menschlichen Darstellung und dem Portrait befasste. Die Authentizität und Unmittelbarkeit der Beobachteten wusste Nolde in einer Art zu malen, dass das Reale dem Existenzhaften weicht. Er selbst schrieb in seiner Autobiografie „[g]ern war ich, wo ich es konnte, mitten zwischen den verschiedenartigsten Menschen“ – beobachtet Mimik, Gestik und das gemeinsame Miteinander.

Emil Nolde verarbeitete in seinen Doppelportraits eine umfangreiche Varianz motivischer Konstellationen. Es waren Wesen aus Märchen und Sage, nicht selten auch Tier oder Spukgestalt, meist jedoch Mann und Frau. Die Bilder umgibt eine eigene, undurchdringliche und stille Sprache.

Das Doppelportrait „Mann und Frau (Profil en face)“ von 1921 mit lückenloser Provenienz aus dem Nachlass des Künstlers zählt zweifelsohne zu den eindrucksvollsten Malereien, die der Künstler Anfang der 1920er Jahre schuf. Arbeiten von ähnlicher Qualität befinden sich unlängst in bedeutenden musealen Sammlungen, wie etwa des Brücke-Museums in Berlin. Lediglich der Bart trennt die Darstellung der Menschen und weist ihnen gemäß Titel die Geschlechter zu. Die satten, tiefen Farben mystifizieren die Darstellung beider Personen, die sich in keiner direkten Interaktion miteinander oder zum Künstler befinden. Die Frau, dem Maler zugewandt, jedoch an diesem vorbeiguckend, hat den Mund leicht geöffnet und entblößt ihre prägnanten, harten Schneidezähne als absoluten Blickfang. Die vollen Lippen, in sattem Rot-Orange gemalt, werden in der Haarpracht aufgefangen. Der Blick wandert weiter zu den strahlend blauen Augen, die sich aus der ockernen Farbigkeit des Gesichts hervortun. Die Frau wird von einem Mann mit langem Kinnbart direkt angeguckt, wobei dieser dem Künstler sein linkes Profil zuwendet. Während die Frau etwas unsicher wirkt, schaut der Mann diese mit stark geröteten Wangen und einem Blick voll tiefer Zuneigung und Zärtlichkeit an. Auch seine Lippen heben sich dick und vollrund von dem markanten, ockerfarbenen Gesicht ab. Auffallend ist, dass sich das kräftige Braun des Bartes nicht im Kopfhaar wiederfindet. Dieses ist noch dunkler, nämlich in einem satten Schwarz, in gleichem Schnitt wie das der Frau gemalt. Fast wie Fabelwesen inszeniert und verzerrt Nolde die Erscheinung der Menschen: nicht das Gesehene, sondern das Wahrgenommene abzubilden ist ihm ein Anliegen. Völlig abstrahiert erscheint der Hintergrund nur in einer Mischpalette trüber Farben und betritt damit den Grenzbereich zur Mythologisierung des Bildinhalts. Das Innere wird auch hier über die Physiognomie der äußeren Beschaffenheit gestellt.

Noldes Bildauffassung des Menschen wendet sich ab vom klassischen Portrait und hin zu einer psychologisierten Darstellung zwischenmenschlichen Denkens – dem Ausdruck von Ängsten, Abwesenheit und Entrückung, aber auch heimlichen Beziehungen mit dem Gegenüber und einer Offenbarung der inneren Haltung. Die zwischenmenschliche Uneindeutigkeit verarbeitet der Künstler gekonnt in der ambigen Typisierung von Mann und Frau; einer Spannung und Bewegtheit, die das Bild mit sich selbst ausficht.

(Zitiert aus: Nolde, Emil: Jahre der Kämpfe. Köln 2002, S. 138.)

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

Anfrage