Marc Chagall

In der vorliegenden Gouache bezieht sich Chagall auf die kunsthistorische Tradition der Porträtmalerei im Profil in einer strahlenden nächtlichen Szene, die paradoxerweise mit autobiografischen Motiven gespickt ist. Chagalls Beitrag „Profil de femme et main au coq“ ist neckisch und skurril zugleich und erlaubte es dem Künstler, sich vor allem an den kräftigen Koloraturen der dick aufgetragenen Farben und Tusche zu erfreuen. Hier entsteht ein Kontrast zwischen dem Monumentalen und der Miniatur, zwischen Stille und Aktion. Das Profil und die Figur der Dargestellten beherrschen die Landschaft, während ihre Hand auf der gegenüberliegenden Seite der Handfläche einen Blumenstrauß und einen Hahn in der Hand hält. Der Himmel ist voll von sich bewegenden Formen, obwohl die Stadt am Horizont stillzustehen scheint. Wie seine Vorfahren aus der Renaissance beschwört Chagall eine Welt jenseits der Topographie des Gesichts der Dargestellten im Vordergrund herauf und erfreut sich an den meisterhaften Details des Hintergrunds, die die Komposition mit einer tieferen persönlichen Bedeutung anreichern und ihrerseits dazu beitragen, die mögliche Identität der weiblichen Figur zu umrahmen. Doch im Gegensatz zu seinen malerischen Vorgängern distanziert Chagall seine Figur in einem Innenraum nicht vom Hintergrund; Chagall verlässt sich stattdessen ganz auf eine Hierarchie der Maßstäbe. Seltsame, rätselhafte Gestalten fügen sich in die Gebäude ein: eine nackte Frau, die den Betrachter direkt anschaut, und die schwachen Umrisse eines Mannes mit Zylinder, der weder ein Phantom noch real ist und mit den Händen zuckt. Die Hähne und der Esel sind eine wiederkehrende Ikonographie in Chagalls Werk, die auf die ländliche Kindheit des Künstlers in Witebsk anspielt. In dieser traumhaften Kreation könnte es sich bei der Dargestellten um die ewige Liebe des Künstlers, Bella, handeln, in die sich Chagall auf den ersten Blick verliebte, als sie sich 1909 in Witebsk kennenlernten, oder um seine Vava, die der Maler 1952 heiratete und die in der Folge eine wichtige Figur in seinem Werk wurde.

Das 1962 entstandene Werk ist weder ein Porträt noch eine Fantasie. Chagall erklärte 1944 in einem Interview: „Ich bin gegen die Begriffe ‚Fantasie‘ und ‚Symbolismus‘ an sich. Unsere ganze innere Welt ist Realität, und das vielleicht mehr als unsere äußere Welt. Alles, was unlogisch erscheint, als Fantasie, Märchen oder Chimäre zu bezeichnen, hieße praktisch zuzugeben, dass man die Natur nicht versteht“ (zitiert in J.J. Sweeney, Marc Chagall, Ausstellungskat., Museum of Modern Art, New York, 1946, S. 63). Chagall blieb jedoch an der allegorischen Kraft von Bildern dieser Art interessiert. Der Hahn, obwohl manchmal eine Selbstdarstellung, „hat eine ganz andere und weitaus fremdartigere Natur als die Vierbeiner, die trotz ihrer vier Füße näher mit dem Menschen verwandt sind. Seit Tausenden von Jahren spielt er in religiösen Riten eine Rolle als Verkörperung der Kräfte von Sonne und Feuer. Diese symbolische Bedeutung lebt in Chagalls Werk weiter, wo der Hahn eine elementare geistige Kraft darstellt“ (F. Meyer, Marc Chagall, New York, 1964, S. 380-381). Auch die Musik nimmt in Chagalls Werk einen wichtigen Platz ein, wovon der hübsch gekleidete Akkordeonspieler zeugt. Chagall glaubte, dass der musikalische Ton der Farbe entspricht: „Die Tiefe der Farbe geht durch die Augen und bleibt in der Seele, so wie die Musik in das Ohr eindringt und in der Seele bleibt“ (zitiert in J. Baal-Teshuva, Hrsg., Chagall: A Retrospective, New York, 1995, S. 181)

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