Marc Chagall

In André Bretons erstem Manifest des Surrealismus aus dem Jahr 1924 beschreibt der Autor ein Erlebnis, bei dem er sich nach dem Einschlafen über den Satz »Ein Mann ist durch ein Fenster in zwei Hälften geteilt« Gedanken machte. Dieses Zitat wurde so interpretiert, dass Breton sich eine Barriere vorstellte, die das Bewusste und das Unbewusste durch eine transparente Glasscheibe trennt.

Während Chagall bereits vor Bretons Manifest mit dem Fenster als Gestaltungsmittel zur Reflexion experimentiert hatte, geht er in dem vorliegenden Werk noch weiter. In Rencontre à la grande fenêtre zeigt sich das außerordentliche Paradoxon, dass das Fenster die Monotonie des Alltags teilt, aber auch die Annäherung an das Fantastische ermöglicht.

Eine Frau schwebt im Bild und spiegelt die Pose der anderen fliegenden Figuren über ihr. Ihre Arme strecken sich dramatisch über eine diagonale Achse, die von zwei Sträußen gebildet wird, von denen einer von einem Engel und der andere von einer Frau am Boden gehalten wird. Währenddessen spaziert ein Paar vor dem Fenster am Ufer der Seine entlang, ohne das fantastische Chaos im Inneren zu bemerken. Was die Grenze zwischen diesen beiden Welten verwischt, sind die zwei Hähne, von denen einer auf einer Brücke thront und der andere in den Wolken kreist. Die Standorte dieser Hähne sind nicht zu erkennen. Das verstärkt die Frage, ob das Fenster die Vorstellungskraft reflektiert oder einschränkt.

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