Lesendes Mädchen - Max Beckmann

Lesendes Mädchen

Werkverzeichnis: Die Zeichnung wird in das in Arbeit befindliche Werkverzeichnis der Zeichnungen von Max Beckmann aufgenommen, welches von Hedda Finke und Stephan Wiese bearbeitet wird.

Provenienz:

Atelier des Künstlers (bis 1950)

Mathilde Q. Beckmann, New York

Buchholz Gallery (Curt Valentin), New York (bis 1955)

Privatsammlung New Jersey (bis 1964)

Dr. Ernst Hauswedell, Hamburg (6. Juni 1964, Los 325)

Privatsammlung Hamburg (bis 1976)

Sammlung Hermann Heidtmann, Bad Homburg

Galerie Joseph Fach, Frankfurt am Main

Sammlung Volhard, Frankfurt am Main (1987-2025)

Max Beckmann – Lesendes Mädchen

Das Sujet der lesenden Frau zählt zu den prägenden Bildmotiven des 19. Jahrhunderts und erscheint häufig als Sinnbild bürgerlicher Bildung: elegant gekleidete Frauen, die sich in kultivierter Muße anspruchsvoller Literatur widmen. Max Beckmann greift diesen traditionellen Topos auf – und setzt ihm zugleich einen deutlichen Kontrapunkt.

Die Zeichnung Lesendes Mädchen, überliefert als Ideenskizze zu dem 1947 in Amerika entstandenen Gemälde Frau in weißem Hemd (lesend) (Kunst Museum Winterthur), verlagert das Motiv bewusst in eine private, unrepräsentative Sphäre. Sowohl in der Zeichnung als auch im späteren Gemälde erscheint die Lesende lediglich im Unterrock und ganz in ihre Lektüre vertieft – als bliebe ihr nach der morgendlichen Toilette noch ein stiller Moment für sich selbst.

In der Zeichnung ist der Blick auf ihr Gesicht noch unverstellt; das leere Blatt in ihren Händen lässt an einen Brief denken. Im Gemälde wird dieses intime Motiv weitergeführt und zugleich zugespitzt: Statt „hoher“ Literatur vertieft sich die junge Frau in ein buntes, triviales Magazin, das sie vor ihr Gesicht hält und dieses halb verdeckt. Beckmann transformiert damit das klassische Motiv der lesenden Frau in ein modernes, psychologisch nuanciertes Bild innerer Versunkenheit.

Komposition und Bildauffassung

In der Komposition konzentriert Beckmann die Darstellung vollständig auf Figur und Gestus. Die junge Frau sitzt quer zur Sitzfläche, die Beine überschlagen; die dunklen Strümpfe setzen einen markanten formalen Akzent. Der Körper ist leicht nach vorn geneigt, der Kopf gesenkt – die Haltung wirkt ruhig, gesammelt und ganz in sich gekehrt.

Jeden Kontakt zum Betrachter vermeidet die Lesende. Sie bleibt vollständig bei sich selbst. Der weitgehend ausgesparte Hintergrund verstärkt den Eindruck eines ungestörten, beinahe zeitlosen Moments. So entsteht eine intime Szene, die sich jeder repräsentativen Geste entzieht.

Technik und zeichnerische Qualität

Ausgeführt in Tusche und Bleistift, verbindet die Zeichnung eine prägnante Konturführung mit differenzierten Schraffuren, die Volumen und Schatten modellieren. Beckmann arbeitet mit schwungvollem, sicherem Strich: Die Grundformen sind klar gesetzt, einzelne Partien gewinnen an plastischer Dichte, während andere bewusst skizzenhaft offen bleiben.

Gerade in diesem Wechsel zwischen Ausarbeitung und Andeutung entfaltet das Blatt eine besondere Lebendigkeit. Als vorbereitende Arbeit zu einem zentralen Gemälde der späten 1940er Jahre dokumentiert Lesendes Mädchen eindrucksvoll Beckmanns zeichnerische Meisterschaft und seinen souveränen Umgang mit einem traditionsreichen Motiv der europäischen Kunstgeschichte.

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