Provenienz:
Atelier des Künstlers
Dora Ritschl, Wiesbaden (1934)
Stuttgarter Kunstkabinett (Auktion 1959, Kat. 34, Los 302 (als „Konstruktiver Kopf“) mit Abb. Tafel 117)
Lempertz Köln (Auktion 1968, Kat. 499, Los 354 mit Abb. Tafel 3)
Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf (1968/69)
Wolfgang Ketterer, München (Auktion 1970, Kat. Nr. 3., Los 624 mit farb. Abb. Tafel 137)
Privatsammlung, Deutschland
Ausstellungen/Literatur:
Clemens Weiler: Alexej Jawlensky, Köln 1959, Nr. 379, Abb. S. 254
Deutsche und französische Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf 1968/69, Abb. S. 77
„In Wiesbaden malte ich einige Jahre nur meine großen abstrakten Köpfe. Ich war so konzentriert auf diese Arbeiten und wollte einen vollkommenen geistigen Inhalt erreichen. So entstanden sehr gute Arbeiten.“
(Alexej von Jawlensky, Lebenserinnerungen)
Der 1933 entstandene „Abstrakte Kopf“ gehört zu jener Werkgruppe, die im Zentrum von Alexej von Jawlenskys Wiesbadener Schaffenszeit steht.
Die „Abstrakten Köpfe“ lassen sich als eine Form moderner religiöser Ikonen verstehen. Sie sind Bilder zur kontemplativen Betrachtung. Jawlensky löste sich in dieser Werkreihe, an der er von 1918 bis 1935 arbeitete, vom Naturvorbild und überführte das menschliche Antlitz in ein festes, geometrisch geordnetes Zeichensystem. Die Abkehr vom individuellen Porträt ging dabei mit einer zunehmenden Konzentration auf Wiederholung, Variation und innere Ordnung einher. Der Künstler entwickelte ein festes Kompositionsschema, das er durch eine nahezu unerschöpfliche Vielfalt an Farbklängen immer wieder neu belebte.
Der großformartige „Abstrakte Kopf“ von 1933 folgt diesem reduzierten Formenvokabular. Wangen und Kinn sind durch eine breite, helle U-Form zusammengefasst, die das Gesicht vom dunklen Grund abgrenzt. Im Inneren gliedern große Farbflächen das Antlitz: Ein tiefes Braun auf der linken Seite steht einem warmen Ocker auf der rechten gegenüber; im unteren Bereich schließt eine grüne Fläche die Komposition ab. Der Mund erscheint als gelb-ockerfarbene Fläche innerhalb der grünen unteren Gesichtshälfte.
Die Gesichtszüge sind auf wenige abstrakte Zeichen reduziert. Eine vertikale Achse bezeichnet die Nase, horizontale und gebogene Linien markieren die Augenpartie. In der oberen rechten Gesichtshälfte folgen grüne, gelbe und violette Bögen aufeinander. Dunkle und farbige Linien begrenzen die Stirn nach oben und deuten einen abstrahierten Haaransatz an. Auf diese Weise wird das Gesicht nicht durch modellierte Formen, sondern durch die Anordnung von Linien und klar voneinander abgegrenzten Farbflächen aufgebaut.
Braun- und Ockertöne bestimmen weite Teile des Bildes und werden durch Grün, Gelb und Violett ergänzt. Weiße Partien setzen sich deutlich von den farbigen Flächen ab, während schwarze Linien die Formen gliedern und konturieren. Trotz der weitgehenden Abstraktion bleibt die Grundform des menschlichen Antlitzes erkennbar. Das Gesicht erscheint nicht als individuelles Porträt, sondern als eine aus Farbe, Linie und Fläche entwickelte, allgemeingültige Form.
Auf der Rückseite trägt das Gemälde die persönliche Widmung „Für Frau Dora Ritschl mit Verehrung“, ergänzt um Jawlenskys Signatur und die Datierung 1934. In diesem Jahr schenkte Jawlensky das Werk Dorothea „Dora“ Ritschl, der Ehefrau des Wiesbadener Malers Otto Ritschl, mit dem ihn eine enge Künstlerfreundschaft verband. Das Gemälde blieb bis zu Dora Ritschls Tod 1958 in ihrem Besitz.
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