Ernst Wilhelm Nay

„Farbe ist für mich Gestaltwert. Ich gebe der Farbe nicht nur den Vorrang vor anderen bildnerischen Mitteln, sondern das gesamte bildnerische Tun meiner Kunst ist allein von der farbigen Gestaltung her bestimmt.“ (Ernst Wilhelm Nay, 1952 in: Das Kunstwerk, Jg. 6, Bd. 2, S. 4)



Als Ernst Wilhelm Nay wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs vom beschaulichen Hofheim im Taunus nach Köln übersiedelt, gelingt ihm der endgültige Sprung in die Abstraktion. Inmitten der Trümmer und Ruinen, aber auch voll der Dynamik des Wiederaufbaus in einer der zerstörtesten Großstädte Deutschlands, erlebt Ernst Wilhelm Nay ein gänzlich neues Lebensgefühl: Eine Freiheit, der er ab sofort in seinen Arbeiten Ausdruck verleiht.



Unser vorliegendes Blatt entsteht 1952. Das Jahr, in dem Nay die „Rhythmischen Bilder“ (1952/53) entwickelt. Befreit von jeglicher Formenstruktur erscheinen die Konturen und Linien in Überlagerung, in sich verlaufend – sie akzelerieren sich gegenseitig. Auch musikalische Einflüsse, vorzugsweise der seriellen Musik von Boulez oder Stockhausen, inspirieren und beschleunigen den Duktus des Künstlers.



Die intensive Tuschfarbe der linken Bildhälfte zieht sich durch die gesamte Komposition, verändert im Verlauf jedoch Form und Ausdruck. An Deckkraft einbüßend, gewinnt sie im Verlauf in die rechte Bildseite umso mehr Schnelligkeit. Diese wird insbesondere untermauert von den raschen, ausfransenden Farbfeldern der roten Aquarellfarbe im rechten Bildraum. Trotz der Beschränkung auf erdverbundene Farben, zeugen diese, mal mehr oder weniger deckend aufgetragen, von einer unglaublichen Strahlkraft.

Beim Anblick der Arbeit springt das Auge zwischen der satten Tinte und den aquarellierten Farbfeldern hin und her, und muss sich letztlich ohne Anweisung des Künstlers auf dem Blatt zurechtfinden. Mit diesem Freiheitsgedanken steht die Arbeit Nays sinngemäß für die völlige Entwicklung der abstrakten Kunst im Nachkriegsdeutschland.

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